Kuba befindet sich schon seit einiger Zeit in einem Prozess der Veränderung. Vieles ist plötzlich möglich, was lange Zeit noch undenkbar war: Kubaner dürfen reisen, Häuser und Autos kaufen … und sie können sich – wenn auch nur in bestimmten Berufen und einem gewissen Rahmen – auch selbständig machen.

Ich war im Dezember mit meinem Mann in Kuba, kurz nach dem Tod Fidel Castros. Wir haben hautnah die Aufbruchsstimmung erlebt. Das Land mit all seinen Widersprüchen zieht momentan besonders viele Touristen aus aller Welt an. In der Altstadt von Havanna herrscht ein munteres Treiben von Einheimischen und Menschen aus aller Welt. Viele scheinen das ursprüngliche Kuba jetzt erleben zu wollen, bevor – so die immer wieder geäußerte Befürchtung – Starbucks und Mc Donalds auch hier Einzug halten. Nicht zuletzt dank der Annährung zwischen den USA und Kuba, symbolisiert durch den Handschlag Barack Obamas und Raúl Castros im April 2015, erwarten viele weitere Veränderungen. Wie sich das bilaterale Verhältnis jetzt allerdings unter Donald Trump verändern wird, ist leider komplett offen.

Da ich als Business Coach und Beraterin zu Hause viel mit Unternehmern, Freiberuflern und anderen Selbständigen arbeite, schaue ich auf Reisen fast automatisch auch darauf, wie Selbständigkeit anderswo gelebt wird. Ist man nun wie wir vor ein paar Wochen in Havanna oder auch an anderen Orten auf Kuba mit offenen Augen unterwegs, so sieht man inzwischen viele, viele Selbständige.

Übrigens, wenn Sie lieber hören als lesen: Auch dieses Mal gibt es diesen Text in leicht abgewandelter Form als Episode in meinem Biztopia-Podcast:

Stände von Selbständigen in Havanna

Ein Beispiel von vielen: Händler bieten antiquarische Bücher an – das Bild stammt nicht etwa aus Paris, sondern aus Havanna.

 

Das war bis vor ein paar Jahren noch anders. Nach der kubanischen Revolution spielte Unternehmertum für Jahrzehnte kaum eine Rolle. Es war bis auf wenige Ausnahmen verboten. Erst seit 2010 hat die kubanische Regierung Schritt für Schritt Maßnahmen beschlossen, mit denen selbständige Tätigkeiten selektiv erlaubt, in bestimmten, eng umgrenzten Bereichen inzwischen auch gefördert werden. Inzwischen ist Selbständigkeit in rund 200 Berufsfeldern möglich, v.a. im Kleingewerbe.

So betreiben inzwischen viele Kubaner ein Casa Particular, ein Privatquartier für Touristen. Casa Particular sind so etwas wie kleine Pensionen, oft liebevoll eingerichtet und mit Familienanschluss. Eine echte Alternative zu den staatlichen Hotels, längst nicht nur für Rucksacktouristen. Auch wir hatten das Glück, während unserer Zeit in Havanna in solch einem privat geführten Casa Particular zu wohnen. Unsere Gastgeber hatten die schöne Altbauwohnung mit ihren umwerfend hohen Decken erst vor wenigen Monaten in Eigenarbeit renoviert und gemütlich eingerichtet.

Hinzu kommen Paladares, kleine privat geführte Restaurants. Hier isst man sozusagen im Wohnzimmer. In Havanna erklärte man uns, dass man u.a. nicht mehr als acht Tische haben dürfe, um eine der begehrten Lizenzen hierfür zu bekommen. Auch Inhaber kleiner Läden, die teilweise direkt im eigenen Treppenaufgang betrieben werden, Friseure, Nagelstudios, Schuster und andere Handwerker können sich als Selbständige registrieren lassen und dann legal auf eigene Rechnung arbeiten.

Sehr beliebt ist auf Kuba auch der Beitrieb eines eigenen Taxis, speziell dann, wenn man das Glück hat, einen der typischen US-Oldtimer sein eigen zu nennen. Oft schlägt in denen inzwischen ein „zweites Herz“, beispielsweise ein Lada-Motor in einem alten Chevrolet aus den 50er Jahren.

Auch für Landwirte ist innerhalb bestimmter Grenzen eine Selbständigkeit möglich. In vielen anderen Berufszweigen, besonders unter Akademikern, ist dies weiterhin nicht möglich. So ist etwa Ärzten oder Anwälten eine unternehmerische Tätigkeit untersagt. Ihr einziger Arbeitgeber ist der Staat.

Die große Mehrheit der Kubaner arbeitet somit nach wie vor in den rund 3.700 Staatsbetrieben. Das Auswärtige Amt sprach Ende 2016 von etwa 520.000 Selbständigen in Kuba. Bei einer Zahl von etwa 5,1 Mio. Beschäftigten (von 11,2 Mio. Einwohnern) liegt die Anzahl der Selbständigen inzwischen bei knapp 10% – auf einem ähnlichen Niveau wie in Deutschland. Noch 2010 waren es nur 147.000, das macht einen Zuwachs von über 250% innerhalb kurzer Zeit. Die meisten kubanischen Selbständigen sind also noch relativ frisch in ihrer Rolle.

Das staatliche monatliche Durchschnittseinkommen beträgt rund 25 EUR. Er wird in der einheimischen Währung (CUP) gezahlt. Viel begehrter ist jedoch die ursprünglich für Touristen entwickelte zweite kubanische Währung CUC, denn bestimmte „Luxusgüter“ – anderswo Gegenstände des täglichen Gebrauchs – sind nur in CUC zu haben. Ein privater Taxifahrer kann sich somit leisten, wovon ein Lehrer oder ein Arzt nur träumen kann. Touristen bezahlen ihn in den begehrten CUC und er verdient ohnehin spürbar mehr.

Soweit zur Situation der Selbständigen, so wie ich sie bei meinem Besuch im Dezember erlebt habe. Dies soll allerdings kein Länder- oder Reisebericht werden. Mir geht es um etwas anders: In unserer Zeit in Havanna und an anderen Orten in diesem Land voller Geschichte, Kultur und Natur wurde mir eines immer klarer und hat mich persönlich begeistert: Für Unternehmer in Deutschland ist de facto sehr vieles einfacher, viele von ihnen haben zudem bereits über Jahre Erfahrung gesammelt, die Gewinne sind meist deutlich höher und die Business Modelle oftmals wesentlich komplizierter. Da Unternehmertum in Kuba noch immer in den Anfängen steckt, wird sich dort in den nächsten Jahren – hoffentlich – noch vieles zum Besseren entwickeln. Und dennoch bin ich der Meinung:

Als Unternehmer können auch wir von vielen der Menschen, die in Kuba ein kleines eigenes Business betreiben, etwas lernen. Manchmal sogar eine ganze Menge.

Lernen im Sinne von: uns eine Scheibe von etwas abschneiden.

Dabei geht es mir nicht um innovative digitale Produkte, um ausgeklügelte Marketing-Strategien oder eine neue Form der Mitarbeiterführung. Sondern um etwas viel Grundlegenderes: die Haltung.

Die Haltung ist meiner Erfahrung nach etwas ganz Entscheidendes, wenn es darum geht, ob man als Selbständige oder als Selbständiger langfristig bestehen kann und ob man – das ist mindestens genauso wichtig – im Alltag damit gut zurechtkommt, hoffentlich die meiste Zeit über sogar glücklich in dieser Rolle ist.

Wenn ich also auf den Punkt bringen soll, was mich bei Selbständigen in Kuba am meisten beeindruckt hat, dann ist es genau dies: ihre Haltung.

Und zwar in dreierlei Hinsicht:

  • die Haltung der Selbständigkeit gegenüber,
  • die Haltung gegenüber Herausforderungen und Problemen und
  • die Haltung gegenüber (möglichen) Kunden.

Eventuell klingt dies recht abstrakt? Nun, dann lassen Sie mich schildern, was ich damit meine:

 

1. Die Haltung der Selbständigkeit gegenüber

Selbständig sein heißt auf Kuba häufig, ganz klein anzufangen: sei es Kuchen oder Kekse zu backen und zu verkaufen, Schuhe oder Autos zu reparieren, im eigenen Hauseingang T-Shirts zu verkaufen oder auf Kinder aus der Nachbarschaft aufzupassen. Mein Eindruck: Jeder, der sich hier für die Rolle als (Klein-)Unternehmer entschieden hat, hat vorher geschaut, was er kann, was da ist – und dann (mit den entsprechenden Genehmigungen) einfach losgelegt.

Während hierzulande beim „Schritt in die Selbständigkeit“ häufig zunächst an die Risiken gedacht wird, scheinen auf Kuba – natürlich auch angesichts der Alternativen – fast immer die Chancen im Vordergrund zu stehen. Und: Der Start kann ein kleiner sein, man legt einfach los und entwickelt dann Schritt für Schritt weiter. Wer hier an ein Lean Startup denkt: Das ist zwar nicht der gleiche Ansatz, aber es gibt sicherlich einige Parallelen …

Bei uns gibt es oftmals viele Alternativen, so viele, dass manchem die Entscheidung schwer fällt und er darauf reagiert, indem er zögert oder de facto nicht entscheidet. In Kuba sind die Gelegenheiten seltener – wahrscheinlich wird genau deswegen auch eine Gelegenheit häufig beim Schopfe ergriffen, wenn Sie da ist!

 

2. Die Haltung Problemen und Herausforderungen gegenüber

Das Leben in Kuba war über viele Jahrzehnte – und ist bis heute – vom Mangel geprägt. Die Versorgungslage ist angespannt, der Zustand vieler alter Gebäude kritisch. Wie kann man als Einheimischer darauf reagieren? Viele meistern die Situation mit einer erstaunlichen Kreativität, es wird improvisiert und irgendwie eine Lösung gefunden. Beispielsweise fehlen häufig Baumaterial und die entsprechenden Baugeräte. Trotzdem schaffen es die Inhaber der Casas Particulares oder Paladares irgendwie, das zu ergattern, was die benötigen. Vieles wird wiederverwertet, anderes über ein privates Netzwerk auf komplizierten Wegen beschafft. Häufig ist die ganze Familie involviert. In unserer Zeit auf Kuba haben wir zwar überall schwierige Umstände gesehen – von halb zerfallenen Gebäuden bis hin zu kreativ verlegten Leitungen und notdürftig reparierten Fahrzeugen – aber nirgendwo schien die Lage ausweglos, überall wurden Lösungen gesucht. Und ganz offensichtlich wurden sie auch in vielen Fällen gefunden.

Ganz wichtig: Mir geht es hier nicht darum, den Mangel zu romantisieren (im Sinne von „das ist gar nicht so schlimm“), sondern darum, mit welcher Haltung man darauf reagiert. Ob man sich unterkriegen lässt oder mit der Einstellung darangeht, dass man TROTZDEM einen Weg finden wird. Was dann häufig auch gelingt.

 

3. Die Haltung (möglichen) Kunden gegenüber

Kunden, das sind inzwischen in Havanna neben den Einheimischen auch immer mehr Touristen. Genau genommen konnten wir als Besucher in erster Linie die Haltung Touristen gegenüber beobachten, aber da wir auch abseits der üblichen Touristenpfade und beliebtesten Sehenswürdigkeiten unterwegs waren, hatten wir immer wieder auch – bedingt – Einblicke, wie Selbständige sich einheimischen Kunden gegenüber verhielten.

Von wenigen Ausnahmen in staatlichen Betrieben abgesehen dominierte hier immer eines: echte Freundlichkeit. Damit meine ich nicht das erlernte Lächeln, das einem in einer Fastfood-Kette entgegengebracht wird. Sondern ein – so wirkte es zumindest auf uns – echtes Strahlen, eine Freundlichkeit, die in dem Kunden jemanden sieht, der hoffentlich das braucht, was man anbietet, dem man aber auch sonst mit einem Tipp gern weiterhilft oder einfach einen schönen Tag wünscht.

Wie sieht das typische Marketing aus? Vieles läuft über Empfehlungen und Mund-zu-Mund-Propaganda. So empfiehlt der Inhaber eines Casa Particular ein privat geführtes Restaurant in der Nähe, organisiert ein Taxi oder einen Reiseführer. Untereinander werden Sets von Visitenkarten getauscht, die dann an mögliche Kunden weitergereicht werden. Mein Eindruck: Dieses Netzwerk von Freunden und Bekannten funktioniert. Allerdings nur bzw. weil die jeweiligen Empfehlungen auch gut sind!

Und Beziehungen zu pflegen ist auch dann wichtig, wenn nicht direkt ein Geschäft winkt. Nach einigen Tagen witzelten mein Mann und ich über unseren netten Gastgeber: „Wetten, Leo kennt auch da jemanden?“. Wir wurden nie enttäuscht. Und nicht immer ging es um ein unmittelbares Geschäft: Bei einer Tagestour nach Valle de Viñales hielt der vermittelte private Fahrer für einen Zwischenstopp in einem kleinen Casa Particular, in dem wir sehr herzlich und mit einem frischen Saft – Mango plus etwas anders (der leckerste von vielen frischen Obstsäften, die wir genießen durften!) – begrüßt wurden. Als wir uns mit ein paar CUC bedanken wollten, lehnte unsere Gastgeberin das freundlich, aber sehr bestimmt ab. Wir bekamen stattdessen eine Führung durch das brandneue Casa und ein paar Visitenkarten. Da es in der Tat sehr schön und die Inhaberin und ihr Sohn überaus sympathisch waren, werden wir es sehr gern weiterempfehlen 🙂

Zwei stolze und sympathische kubanische Kleinunternehmer, die wir kennenlernen durften

Zwei stolze und sympathische Kleinunternehmer, die wir auf unserer Reise kennenlernen durften.

 

Ich bin noch immer fasziniert von dem Land, der kubanischen Kultur und der traumhaften Natur. Trotz aller Widrigkeiten: Viele Kubaner sind nach wie vor stolz auf ihr Land, auf das kostenlose Bildungs- und Gesundheitssystem. Und gleichzeitig äußern besonders auch die Jüngeren den Wunsch nach weiterer Öffnung, nach mehr Mitsprachemöglichkeiten und z.B. auch einem leichteren Zugang zu Informationen (Internetzugang ist weiterhin schwierig, das Thema Medien wäre einen eigenen Beitrag wert).

Ganz besonders fasziniert war und bin ich jedoch von den Menschen auf Kuba: davon, wie sie es schaffen, trotz widriger Umstände ihr tägliches Leben – und viele eben auch ihre Selbständigkeit – zu meistern, von ihrer positiven Haltung, dem Zusammenhalt und nicht zuletzt dem Lächeln und der echten Freundlichkeit, die nicht nur uns überall begegnete.

Diese Haltung führt zu einer Stärke, die in schwieriger Zeit das (Über-)Leben erleichterte und die in Zukunft hoffentlich dazu beitragen wird, dass die Kubaner ihr Land weiter so entwickeln können, wie sie es möchten. Ich drücke dem Land, seinen Menschen und darunter natürlich auch den vielen Selbständigen die Daumen. Mein Mann und ich waren bestimmt nicht das letzte Mal hier.

 

Das Take-Away der heutigen Episode:

Kuba mag weit weg sein: Wie steht es um Ihre eigene Haltung? Ihre Haltung der eigenen Selbständigkeit gegenüber, gegenüber Herausforderungen und gegenüber Kunden? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede sehen Sie? Wie könnte es aussehen, wenn Sie sich von der hier beschriebenen Grundhaltung „eine Scheibe abschneiden“? Würden Sie sich das wünschen? Wenn ja: Was bräuchten Sie konkret dazu? Was wäre dann anders?

 

P.S. Menschen sind individuell unterschiedlich, und zwar überall auf der Welt. Was ich hier beschrieben habe, gilt so sicherlich nicht für „alle“ Selbständigen auf Kuba – und genauso wenig haben „alle“ Menschen oder speziell Unternehmer hierzulande in puncto Haltung Nachholbedarf. Vielleicht stellen Sie bei diesen Fragen auch fest, dass für Sie persönlich „alles passt“. Dann herzlichen Glückwunsch!