Wer ist die wichtigste Person in Ihrem Unternehmen? Vielleicht zögern Sie jetzt einen Moment, denken an Herrn X oder Frau Y und überlegen: Wer von beiden ist wichtiger? Ihre Mitarbeiter sind sicherlich wichtig, keine Frage.

Die allerwichtigste Person in Ihrem Business sind jedoch Sie selbst.

Daher ist es für das Wohlergehen Ihres Unternehmens – und für ein sinnvolles Wachstum – fundamental wichtig, dass es Ihnen gut geht. Das ist eine banale Feststellung. Banal heißt jedoch nicht, dass alle Unternehmer und Freiberufler sie steht’s beherzigen.

Wenn Sie hier regelmäßig mitlesen, wissen Sie es schon: Auch diesen Beitrag gibt es wie die meisten anderen in abgewandelter Form in meinem Biztopia-Podcast zum Hören. Hier können Sie ihn direkt abspielen:

 

Häufig erlebe ich Unternehmerinnen und Unternehmer, die von sich sagen: „Ich arbeite locker 60 Stunden oder mehr. Ich gehe mit gutem Beispiel voran. Solange ich nicht 40 Grad Fieber habe, bin ich selbstverständlich im Büro. Und wenn ich merke, dass es mir nicht gutgeht, dann sage ich mir: Reiß dich zusammen. Muss ich etwas tun, dass mir widerstrebt, dann treibe ich mich an: Los jetzt, stell dich nicht so an.“

Sicher, es ist nichts dagegen zu sagen, pro Woche 50, 60 Stunden oder auch mal mehr für sein Business aktiv zu sein, wenn es einem gut geht und man mit Freude dabei ist. Das mache ich auch heute noch, und ich erinnere mich an Zeiten, wo ich auf 70 Stunden kam.

Um die Stunden und Minuten geht es nicht, jedenfalls nicht vorrangig. Wichtig ist etwas anderes:

Wie geht es Ihnen, der Unternehmerin oder dem Unternehmer, der für sein Business sehr wichtig ist, der oder die dafür die Verantwortung trägt?

Ich nutze hier gern den Begriff „Energie“. In der Physik ist Energie – vereinfacht gesagt – definiert also die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Übertragen wir diesen Begriff auf einen Menschen und fragen, wie viel Energie er oder sie hat, dann geht es darum, wie viel er aktuell machen kann, tun kann, leisten kann. Und es schließt sich die spannende Doppelfrage an: Wie kann er mehr Energie gewinnen, und wie verliert er möglicherweise unnötig Energie?

Und spätestens hier enden die Parallelen zu den Naturwissenschaften: Während man für einen leblosen Körper – eine Kugel, ein Auto, was auch immer – eindeutige und übertragbare Berechnungen anstellen kann, gilt beim Menschen: Es kommt darauf an! Was den einen viel Energie kostet, das gibt einem anderen möglicherweise sogar Energie. Energie brauchen wir am Ende jedoch alle. Und es kommt vor, dass – ganz akut oder auch chronisch – nicht genug da ist. Dann fühlen wir uns als Selbständige und Unternehmer möglicherweise „kaputt“, „ein wenig ausgelaugt“ oder im schlimmeren Fall sogar „ausgebrannt“.

Das ist für das Unternehmen ungut, teilweise regelrecht gefährlich. Und für uns persönlich erst recht. Am Ende droht hier möglicherweise sogar ein Burnout, speziell dann, wenn wir den Eindruck haben, wir müssen uns bei all dem auch noch verbiegen. Dazu an anderer Stelle einmal mehr. Wenn Sie den Eindruck haben, dass Sie davon betroffen sein könnten, führen Sie bitte ein Gespräch mit einem Arzt, um dies weiter abzuklären.

Auch wenn wir gesund sind, ist es wichtig, unseren persönlichen Energielevel im Blick zu behalten, um ggf. rechtzeitig etwas unternehmen zu können. Genauso wie wir für unser Unternehmen regelmäßig die Kennzahlen bzw. KPIs betrachten (hier mehr dazu) und uns vielleicht auch immer wieder mal auf die Waage stellen, um das eigene Gewicht zu kontrollieren, gilt es, unseren Energielevel zu beobachten und ihn ernst zu nehmen.

Das ist der notwendige erste Schritt. Der zweite ist, dass wir unsere persönlichen – wir Menschen sind individuell unterschiedlich – Energieräuber und -lieferanten kennen und entsprechend agieren. Das ist kein Luxus, sondern absolut sinnvoll.

Vielleicht denken Sie jetzt: Na klar, aber das ist schöne Theorie.

Wie bitte könnte ich das in der Praxis angehen? Dazu möchte ich Ihnen gleich ein einfaches Verfahren vorstellen. Es kostet kein Geld, nicht viel Zeit, setzt lediglich voraus, dass Sie sich ernstnehmen und es angehen.

Und dies ist aus meiner Sicht ratsam, denn Sie werden in Ihrem Unternehmen in allen ihren drei Rollen gebraucht, als Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller (mehr dazu hier). Die Darstellerin oder der Darsteller wird höchstwahrscheinlich auch außerhalb seiner Firma gebraucht: von seiner Familie, seinen Freunden usw. Bei der Frage, was Ihnen Energie gibt und was umgekehrt Energie kostet, geht es um Sie als Darsteller, also um den Menschen, der Tag für Tag in seiner Firma agiert, mit individuellen Stärken und Schwächen, Fähigkeiten und Bedürfnissen. Sie brauchen diese Energie, um Ihre eigene Story und die Ihres Business für sich sinnvoll weiterzuschreiben (hier können Sie mehr über die Bedeutung Ihrer „Story“ lesen).

Was genau können Sie also tun, um Ihren Energielevel, die Energieräuber und die -lieferanten sicher im Blick zu haben?

Für mich funktioniert das folgende Vorgehen. Ich schlage vor, Sie probieren es einmal so für sich aus und passen es dann entsprechend Ihrer persönlichen Situation an.

1. Vorbereitungen

Legen Sie fest, wann und wie oft Sie künftig auf Ihre Energie schauen wollen. Machen Sie dann einen festen Termin mit sich und tragen Sie ihn als wiederkehrenden Termin in Ihren Kalender ein.

Beispiel: Jeden Freitag um 14:00 Uhr, Dauer: 15 Minuten (beim ersten Mal werden Sie länger brauchen).

Entscheiden Sie, wie Sie Ihre Erkenntnisse dokumentieren wollen. Die eine mag sich für eine Excel-Tabelle entscheiden, der andere zieht ein neues Notizbuch vor, was er sich extra hierfür kauft. Wichtig ist, dass Ihnen das Medium liegt und Sie auf Ihre Notizen leicht zugreifen können.

2. „Messung“

Auf einer Skala von 1 bis 10, wie viel Energie haben Sie

a) ganz aktuell, also zum Beispiel an diesem Freitag um 14:01?
b) im Schnitt in dieser Woche gehabt (vom Freitag der Vorwoche um 14:15 bis jetzt?)

Es ist wichtig, sich beide Werte anzuschauen, weil der aktuelle „Messwert“ möglicherweise signifikant vom Durchschnittswert abweicht. Wenn es Ihnen schwer fällt, einen Wert für die ganze Woche zu benennen, können Sie sich überlegen, zumindest zeitweise die aktuellen Werte täglich zu erheben und dann wöchentlich einen Durchschnitt bilden. Ich schlage dies hier nicht generell vor, weil manchem der Aufwand zu groß erscheinen mag – während andere dies zur festen Gewohnheit machen und den täglichen Moment der Reflexion („Wie geht es mir gerade, wie viel Energie habe ich?“) für sehr wertvoll halten. Schauen Sie einfach, was für Sie passt.

3. Analyse

Jetzt sind Ihre Erinnerung und Ihr Spürsinn gefragt. Bitte halten Sie fest, wen oder was Sie in der vergangenen Woche als Energielieferanten und was als -räuber erlebt haben. Seien Sie hierbei ehrlich und so konkret wie möglich.

Beispiel: Möglichst nicht „schwierige Mitarbeiter“ oder „Frau Z“ oder „immer diese Auseinandersetzungen mit Herrn Z“, sondern „der Konflikt mit Frau Z am Mittwoch, nach dem ich mich total fertig gefühlt habe“. Möglichst nicht ganz allgemein „meine Kinder“, sondern „der Ausflug in den Tierpark am Sonntag, bei dem wir das erste Mal zusammen Wölfe beobachtet haben“.

Gerade zu Beginn, wenn man noch nicht so viel Übung hat, fällt einem vielleicht gar nicht so viel ein. Oder man wird bequem und notiert jede Woche wieder Dasselbe. Das kann entweder daran liegen, dass es einfach immer wieder genau dieselben Dinge sind, die einem Energie geben oder kosten, oder auch, dass man sich noch nicht angewöhnt hat, ganz genau so schauen.

Wichtig: Es geht bei dieser Übung nicht um Vollständigkeit, sondern um wertvolle „Fundstücke“, also darum, sich der Energieräuber und -lieferanten in unserem Leben bewusst zu werden, den Blick zu schärfen, und nach und nach immer wieder etwas Neues zu entdecken. Und da wir auch außerhalb unseres Business existieren: im beruflichen wie auch im privaten Bereich.

Möglicherweise kann die folgende Tabelle nützlich sein, um Ihren Spürsinn zu schärfen und weitere Fundstücke zu entdecken. Bitte beachten Sie jedoch: Es geht nicht darum, sie komplett auszufüllen, sondern sie soll sie lediglich bei der Suche unterstützen, indem Sie sich fragen: Wenn ich an die vergangene Woche denke, fällt mir etwas ein, was mir in diesem Bereich (viel) Energie gegeben bzw. was Energie gekostet hat?

BUSINESS Energielieferanten:
Was hat mir Energie gegeben?
Energieräuber:
Was hat mich Energie gekostet?
Werte: Wie gut passen meine Werte zu dem, was ich tue?
Stärken und Fähigkeiten: Wie gut passen sie zu dem, was ich beruflich tue?
Menschen: Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten etc.
Finanzen und „Erfolg“
Rahmenbedingungen und Sonstiges
PRIVAT
Werte: Wie gut passen meine Werte zu dem, wie ich/wir leben?
Menschen (und Tiere): Partner, Familie, Freunde (evtl. Haustiere)
Gesundheit
Mein Zuhause
Genuss: Musik/Kunst, Essen, Natur erleben …
Hobbys: Sport, Reisen, Kino, Bücher, …


4. Auswertung und Entscheidungen

Jetzt kommt der wichtigste Teil: Betrachten Sie Ihre Aufzeichnungen (vorrangig die der gerade vergangenen Woche, aber gern auch die weiter zurückliegenden) und lassen Sie sich davon inspirieren. Wählen Sie dann vier konkrete Dinge aus, die Sie in der kommenden Woche in Hinblick auf Ihre persönliche Energie anpacken möchten.

Gedanklich lässt sich die Tabelle in vier Quadranten aufteilen: In Bezug auf Business und Privatleben gibt es jeweils einen Quadranten, der zeigt, was Energie kostet, und einen, in dem es um die Dinge geht, die Ihnen Energie geben.

Idealerweise wählen Sie für jeden Quadranten eine Aktivität, also:

  • Was werden Sie im Business-Bereich ändern, damit einer Ihrer Energieräuber wegfällt – oder kleiner wird?
  • Was werden Sie im Business-Bereich neu machen oder ausbauen, das Ihnen Energie gibt?
  • Was werden Sie im privaten Bereich ändern, damit einer Ihrer Energieräuber wegfällt – oder kleiner wird?
  • Was werden Sie im privaten Bereich neu machen oder ausbauen, das Ihnen Energie gibt?

Seien Sie möglichst konkret. Treffen Sie JETZT die Entscheidung, dies zu tun bzw. zu lassen, und wenn möglich gehen Sie bereits JETZT den ersten Schritt. Das heißt, machen Sie z.B. jetzt einen notwendigen Termin (oder sagen Sie einen ab) oder buchen Sie einen Tisch in einem Restaurant oder rufen Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin an, um den Ausflug oder Wochenendtrip zu planen.

Natürlich könnten Sie genauso zwei oder zehn Aktionen planen. Die Zahl vier und die Verteilung auf vier Quadranten sind aus meiner Sicht sinnvoll, weil vier konkrete Dinge (und dazu zählen auch Kleinigkeiten) in den meisten Fällen tatsächlich machbar sind, man einen Effekt spürt und sich angewöhnt, auf alle Bereiche zu achten.

Das Wichtigste ist jedoch: Nehmen Sie sich ernst. Halten Sie diese vier konkreten Dinge, für die Sie sich entschieden haben, schriftlich fest (digital oder um Notizbuch) und setzen Sie sie um. Beginnen Sie Ihren nächsten wöchentlichen Termin mit sich selbst mit einem Blick auf Ihre Aufzeichnungen. Freuen Sie sich über die Dinge, die Sie umgesetzt haben. Sagen Sie sich: Weiter so!

Hat etwas nicht geklappt, prüfen Sie ehrlich, woran es lag. Seien Sie nicht zu streng mit sich, aber forschen Sie nach, was Sie gebraucht hätten, um es möglich zu machen. Fragen Sie sich: Was hat gefehlt? So erhöhen Sie die Chancen, dass es beim nächsten Mal klappt. Entscheiden Sie dann frei, ob Sie es in der nächsten Woche nochmal angehen wollen oder sich lieber für etwas anderes entscheiden.

Wenn Sie die Vorschläge befolgen, heißt dies nicht, dass es Ihnen und Ihrem Unternehmen damit automatisch gutgeht.

Meistens gibt es Dinge, die sich relativ einfach ändern lassen und andere, bei denen es deutlich schwieriger wird. Bei manchen mag die Wurzel in unseren eigenen Haltungen und Gewohnheiten liegen, die wir über Jahrzehnte entwickelt haben und die sich nicht so leicht ändern lassen. Auf andere haben wir möglicherweise ohnehin nur bedingt oder gar keinen Einfluss.

Hier stößt das hier vorgestellte Verfahren einerseits an seine Grenzen. Andererseits hilft es, genau diese harten Nüsse zu identifizieren. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass sich irgendwann auch an diesen Punkten etwas ändern kann. Jetzt, wo diese harten Nüsse klar vor uns liegen, können wie sie analysieren und entscheiden, wie wir damit umgehen. Häufig kann es an diesem Punkt sinnvoll sein, zu prüfen, ob externe Unterstützung nützlich sein könnte.

 

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Ausprobieren dieses Verfahrens. Auf dass Sie Ihren Energieräubern das Leben schwer machen und auf dass Ihre Energielieferanten immer mehr in den Vordergrund rücken, mehr Raum bekommen und Sie regelmäßig mit ordentlichen Energieportionen versorgen.

Zum Wohle Ihres Unternehmens, aber genauso für Sie persönlich und die Menschen in Ihrem Umfeld!

Auf einen Blick: Take Aways

  • Gewöhnen Sie sich an, Ihren Energielevel regelmäßig im Blick zu behalten, genauso wie Ihren Kontostand oder Ihr Gewicht.
  • Lernen Sie Ihre Energielieferanten und -räuber kennen. Schärfen Sie durch Übung Ihren Blick dafür.
  • Treffen Sie konkrete Entscheidungen dazu, was Sie unternehmen, um mehr Energie zu gewinnen und weniger Energie zu verlieren.
  • Bleiben Sie dran, prüfen Sie regelmäßig, was schon geklappt hat, und passen Sie an, was noch nicht gut funktioniert.
  • Widmen Sie sich auch den Energieräubern, die Sie nicht selbst kontrollieren können: Prüfen Sie in Ruhe, wie Sie damit umgehen möchten. Suchen Sie sich speziell hierfür ggf. externe Unterstützung.